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Postpartale Depression

Depressionen: Nährboden für Tragödien

Jede zehnte Frau erlebt die Zeit nach der Geburt alles andere als rosarot – die Heultage wollen nicht enden, die Stimmung ist grau in grau. Wie finden betroffene Mütter wieder zu sich und zu einem Ausweg? "Nach der Geburt meines dritten Kindes bin ich nach Hause gekommen und habe nur geheult. Eigentlich hätte ich mich ja freuen müssen, aber das ging nicht." Claudia (34) sitzt zusammen mit den anderen Frauen aus der Selbsthilfegruppe am Küchentisch und berichtet über die schlimmste Zeit ihres Lebens. "Meine Mutter hat immer gesagt, dass das die normale Wochenbettdepression ist und es bald vorbei sei. Ich habe aber gespürt, dass es nicht normal ist."

Heute, drei Jahre danach, erzählt sie ruhig und sachlich von damals: Als sie sich nicht mehr aus der Wohnung traute, als sie nicht mehr ans Telefon gehen, als sie keine Besucher mehr empfangen konnte. "So etwas wie heute, dass ich die ganze Gruppe bei mir zum Frühstück da habe, das hätte ich mir damals nicht zugetraut." Sie habe sich, sagt sie achselzuckend, selbst nicht mehr erkannt.

Nach vier Wochen war ihre Kraft aufgebraucht: "Ich konnte nicht mehr und hab mich nur noch ins Bett gelegt, weil ich Angst hatte durchzudrehen." Erst die zu Hilfe gerufene Hebamme erkannte die postpartale (nachgeburtliche) Depression. Ein Nervenarzt verschrieb ihr die richtigen Medikamente und empfahl ihr eine Selbsthilfegruppe. Heute fühlt sich Claudia wohl, kann sich selbst und ihre Familie wieder versorgen.

Jede zehnte Frau entwickelt nach der Geburt ihres Kindes – meist schleichend – eine postpartale Depression: Sie fühlt sich zunehmend antriebsloser, trauriger, ruheloser, ängstlicher. Sie kann sich kaum konzentrieren, fühlt eine innere Leere und hegt meist zwiespältige Gefühle ihrem Kind gegenüber. Karen (34) entwickelte große Schuldgefühle: "Ich hatte ein Kind in diese Welt gesetzt. Und jetzt konnte ich die selbstverständlichste Sache der Welt nicht bewältigen." Britt (34) plagten nach dem Abstillen Existenzängste. Daniela (29) entwickelte einen Putz- und Händewaschzwang: "Da durften keine Brösel oder dreckige Wäsche herumliegen."

Bis zu 2 von 1000 Wöchnerinnen erkranken an der schwersten und seltensten Form der nachgeburtlichen Krise: der postpartalen Psychose. Die Frauen erleben Wechsel zwischen überwältigender Angst, Halluzinationen und ekstatischem Glücksgefühl, sind vorübergehend verwirrt. In diesen Fällen ist meist eine medikamentöse Behandlung in einer psychiatrischen Klinik notwendig.

In Deutschland kaum stationäre Behandlung

Im Gegensatz zu England oder den USA sind hierzulande stationäre Behandlungsmöglichkeiten für Mutter und Kind in so genannten Rooming-in-Psychiatrien Mangelware. Jana (29) hatte Glück und wurde innerhalb von drei Tagen zusammen mit ihrer kleinen Tochter stationär aufgenommen: "Ich war nicht mehr ich. Ich konnte mit dem Kind nicht allein sein, habe alle möglichen Verwandte und Bekannte besucht." Als ihr auch noch die Muttermilch ausging, befürchtete sie, ihr Kind nicht mehr ernähren zu können. Ein Nervenzusammenbruch und Suizidgedanken waren die Folgen. Die Klinik war ihre Rettung. Heute hat sie zurück in die Realität gefunden und kann ihren Alltag wieder bewältigen.

Zusammenreißen? Wer das fordert, war noch nie depressiv!

Die Frauen an Claudias Küchentisch wissen, dass jemand, der selbst noch keine Depression durchgemacht hat, sich diesen Zustand gar nicht vorstellen kann. Sätze wie "Jetzt reiß dich mal zusammen" helfen nicht. Im Gegenteil, sie vergrößern die Frustration und die Versagensängste. "Das ist genauso nutzlos und unsinnig, wie wenn man einem Diabetiker, der sich Insulin spritzen muss, sagt, jetzt produzier doch endlich selbst Insulin", sagt Christine (34). Dabei sind das Verständnis und die Unterstützung der eigenen Familie für die betroffenen Frauen sehr wichtig. Karen ist ihren Eltern dankbar, denn "wenn sie nicht gewesen wären, würde es mich heute nicht mehr geben".

Depressionen: Nährboden für Tragödien

Daniela weiß, wie belastend die Depression für die Partnerschaft ist: "Ich kann mich ja selbst nur schwer nachvollziehen. Wie soll das dann jemand verstehen, der es noch nicht mitgemacht hat?" Christine hatte in der Nervenklinik immer darauf gewartet, dass ihr Mann sie eines Tages nicht mehr besuchen kommt, weil er sie verlassen hat: "Aber er kam immer wieder. Ich konnte es kaum glauben. Welche Geduld er in dieser Zeit für mich aufgebracht hat."

Die Frauen sind sich einig, dass hinter so mancher Schlagzeile "Mutter tötete Säugling" eine postpartale Depression steckt. Beim so genannten erweiterten Suizid nehmen depressive Mütter ihre Kinder lieber mit in den Tod als sie allein zurückzulassen. Die Runde um den Küchentisch appelliert daher an die Angehörigen, in erster Linie zuzuhören und die Betroffene ernst zu nehmen: "Das ist keine Laune, das ist eine Krankheit. Aber es ist eine heikle Sache, denn nicht immer bemerkt man es – sowohl als Betroffene als auch als Angehöriger –, und es gibt so viele verschiedene Arten von Depressionen, wie es Menschen gibt", erklärt Britt. Außerdem sollten Angehörige oder Freunde rechtzeitig aktiv werden und die kranke Frau zum Arzt bringen: "Man selber schafft das in diesem Moment nicht."

Neben modernen Medikamenten empfehlen Experten professionelle Psychotherapie sowie die Unterstützung einer Selbsthilfegruppe. Karens erster Satz, als sie in die Gruppe kam: "Euch habe ich gesucht!" Die meisten treffen sich auch nach der Akutphase noch. Britt hat die Selbsthilfegruppe vor rund drei Jahren mitgegründet: "Man ist nicht mehr so allein, trifft Leute, die dasselbe durchmachen oder durchgemacht haben. Draußen spricht ja keiner darüber. Da sind psychische Erkrankungen immer noch ein Tabuthema."

Mit Hilfe der Psychotherapie lernte Britt, dass es ganz normal ist, schlechte Tage zu haben und dass sich dadurch nicht gleich die nächste Depression ankündigt. Britt: "Ich spüre eine neue Lebensperspektive in mir. Bin mal gespannt, was daraus wird."

Ob sie nach dieser Erfahrung – die meisten Frauen sind Erstgebärende – noch ein Kind möchten, diese Frage beantwortet die Mehrzahl so positiv wie Britt: "Ich möchte die nächste Schwangerschaft so richtig genießen. Sollte es mich wieder packen, weiß meine Familie, wo sie anrufen kann. Außerdem weiß ich, dass das Leben weitergeht und man wieder gesund wird."

 
 




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